Interview mit einem Arzt über Gicht

Interview mit einem Arzt über GichtCreapharma.ch hatte die Chance, im Februar 2015 Dr. Alexandre Dumusc, stellvertretender Leiter der Klinischen Abteilung der Rheumatologie des orthopädischen Spitals CHUV in Lausanne (Schweiz) zu interviewen.


Creapharma – Im Jahre 2014 hat eine Studie gezeigt, dass das Vereinigte Königreich immer mehr Fälle von Gicht zählt. Dies liegt vor allem an den schlechten Ernährungsgewohnheiten. Haben Sie eine solche Erhöhung auch in der Schweiz und insbesondere im Kanton Waadt festgestellt?
Dr Dumusc – Es gibt zurzeit keine epidemischen Studien, die die Anzahl Gichtpatienten in der Schweiz oder im Kanton Waadt im Gegensatz zu England erfasst hätte. Aber die Erhöhung der kardiovaskulären Risikofaktoren betrifft ganz Europa und führt möglicherweise zu einer Erhöhung der Gichtanfälle.

Die Mehrheit der Patienten beklagt sich über fürchterliche Schmerzen während eines Gichtanfalls. Welche Medikamente verschreiben Sie zur Schmerzlinderung?

Ein Gichtanfall ist wirklich sehr schmerzhaft. Es gibt während eines Gichtanfalles mehrere mögliche Behandlungen. Die Wahl der Behandlung hängt von den anderen Krankheiten ab, unter denen der Patient leidet. Die meistverwendeten Behandlungen sind nichtsteroidale Entzündungshemmer (Naproxen, Indomethacin, Diclofenac, Ibuprofen). Andere Möglichkeiten sind Colchicin oder Kortison. In besonderen Fällen werden manchmal in Referenzzentren biologische Behandlungen (anti II-1) eingesetzt.

Interview mit einem Arzt über GichtDas weltweit meistverschriebene Medikament zur Prävention von Gichtanfällen ist Allopurinol. Bevorzugen Sie auch diesen Wirkstoff oder verwenden Sie eine andere medikamentöse Therapie?
Im Jahre 2015 bleibt Allopurinol das Medikament der Wahl zur Prävention von Gichtanfällen bei Patienten mit erhöhtem Harnsäurespiegel. Andere Behandlungen wie Febuxostat werden manchmal bei resistenten Patienten eingesetzt.

Studien haben gezeigt, dass viele Gichtpatienten ihre Medikamente (Allopurinol) nicht oder nur wenig einnehmen, obwohl sie vom Arzt verschrieben wurden. Ist es wahr, dass Allopurinol oft eine lebenslange Behandlung ist und es eine gewisse Disziplin braucht? Wie kann man die Compliance von Allopurinol in der Bevölkerung erhöhen? Man weiss auch, dass eine schlechte Compliance die Notfälle unnötigerweise belasten können. Wie ist Ihre Meinung?

Die Compliance ist ein wichtiges Problem der Gicht, die eine chronische Erkrankung ist. Dies trifft insbesondere für Allopurinol zu. Die Patienten, die oft unter mehreren Krankheiten leiden und viele verschiedene Medikamente einnehmen müssen, vermindern die Compliance. Das abrupte Absetzen der Allopurinol Einnahme kann einen Gichtanfall auslösen.

Die Ausbildung des Patienten bezüglich seiner Krankheit ist hier sehr wichtig. Wenn der Patient das Konzept der Behandlung zu Prävention eines Gichtanfalles versteht, gewinnt er Autonomie und erhöht die Compliance.

Haben Sie für die Prävention gute praktische Ratschläge für Gichtpatienten, die regelmässig unter Gichtanfällen leiden?

Patienten, die regelmässig unter Gichtanfällen leiden, sollten einen Rheumatologen aufsuchen. Dieser kann individuell beurteilen, ob eine Behandlung zur Prävention gestartet werden sollte und diese anpassen. Er kann auch die Lebensgewohnheiten des Patienten verändern, um die Einnahme der Medikamente zu verhindern.

Der Patient kann seine Ernährung selber steuern, um das Risiko für Gichtanfälle zu minimieren. Es wird empfohlen, nicht gezuckerte Getränke (ohne Fruktose) und keinen Alkohol (vor allem Bier und Spirituosen) zu trinken und sich genügend zu hydratisieren. Man sollte Fleisch, Geflügel (vor allem die Haut), Innereien, Fisch und Meeresfrüchte vermeiden. Milchprodukte hingegen haben eine positive Wirkung durch die Minderung des Harnsäurespiegels im Blut.


Man weiss, dass die Männer häufiger von Gicht betroffen sind als die Frauen. Beobachten Sie ebenfalls, wie dies einige internationale Studien gezeigt haben, dass die Anzahl weiblicher Gichtpatienten in den letzten Jahren zugenommen hat?

Gicht betrifft hauptsächlich Männer. In der klinischen Tätigkeit beobachte ich keine Zunahme der Anzahl Frauen, aber diese Situation ist nicht selten, vor allem im Spitalumfeld.

Die zurzeit auf dem Markt erhältlichen Medikamente wirken vor allem auf die Symptome oder wenn sie zur Prävention eingesetzt werden, müssen sie fast lebenslang eingenommen werden. Wird man eines Tages ein Medikament entdecken, das die Gicht definitiv heilen kann?

Die Gicht wird durch Umgebungsfaktoren (Diabetes, Übergewicht, Medikamente, usw.) und genetische Faktoren (Mutationen gewisser Gene, die mit dem Harnsäuremetabolismus verbunden sind) gefördert. Sie ist nur eine Konsequenz eines erhöhten Harnsäurespiegels und der Kristallisation dieser Harnsäure. Man kann eine Verminderung des Harnsäurespiegels im Blut erreichen, indem man die Bildung dieser Säure vermindert oder die Ausscheidung fördert und zudem die Gichtanfälle so effizient wie möglich zu gestalten versucht. Eine Behandlung zur Heilung von Gicht ist daher in naher Zukunft nicht zu erwarten.

16.04.2015. Xavier Gruffat (Apotheker), © goodluz – Fotolia.com 

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Details der Redaktion: Dieser Artikel wurde am 09.08.2018 verändert.